Review: 2016

Gastland Tschechien

Gastland Tschechien

Bueronardin / Markus Guschelbauer

Auf Wiedersehen! Na shledanou! Mit ihrem wechselnden Schwerpunkt gewährt die VIENNA DESIGN WEEK Jahr für Jahr detailreichen Einblick in das gestalterische Schaffen eines anderen europäischen Landes. 2016 war das unser Nachbar, Tschechien. „Ahoj“ sagten wir aber nicht nur einer jungen Generation tschechischer Designschaffender im Rahmen der großen Gastland-Ausstellung. Tschechiens lebendige und qualitätvolle Designszene, die ähnlich der österreichischen auf eine lange Tradition im Handwerk zurückblickt, war ganz generell quer durch alle
Festivalformate vertreten. Etwa mit den Touren zu Ludwig Mies van der Rohes 2012 wiedereröffneter Villa Tugendhat in Brno. Oder mit der renommierten Prager Akademie UMPRUM, die im Format Debüt herausragende Studienarbeiten der letzten Jahre präsentierte.
Oder innerhalb der Passionswege und zahlreicher Programmpartnerschaften …

UNUNTERBROCHENE GESCHICHTE

Tulga Beyerle über tschechisches Design

Tschechisches Design hat viele Seiten – romantisch und kitschig, international und volkstümlich, handwerklich perfekt und referentiell, geprägt von einer DIY-Kultur des Kommunismus, von Hightech und vor allem von Humor. Immer wieder besticht tschechisches Design durch den Bezug zur eigenen Geschichte und durch die ironische Liebe zur eigenen Tradition. Themen wie der Wald, das Pilzesammeln, die große Tradition der
Glasverarbeitung und des Porzellans oder die Liebe zum Sport tauchen in verschiedenen Varianten auf. Beeindruckend ist die lebendige Kraft und Internationalität tschechischer Designschaffender, die eine ganz eigene Sprache entwickeln und sich dennoch ohne Schwierigkeiten international verorten. Lucie Koldová zum Beispiel, eine frühe Teilnehmerin der Passionswege, arbeitete eine Weile für Arik Levy in Paris, ohne ihre Wurzeln zu negieren und ist heute eine der erfolgreichsten Designschaffenden in Prag. Brokis ist nur ein Unternehmen, dessen Produktlinie
sie erfolgreich prägt. Oder Maxim Velčovský, Mitbegründer von Qubus (legendär sind die Porzellangummistiefel mit Zwiebelmuster), Art Director von Lasvit und Professor für Porzellan und Keramik an der Akademie für Kunst, Architektur und Design, in Tschechien UMPRUM genannt.
Apropos UMPRUM, die größte und wichtigste Kunstuni in der Tschechischen Republik. 
Wenn man über tschechisches Design nachdenkt, kann man von einer fast ununterbrochenen Designgeschichte sprechen, eine gute Voraussetzung für die aktuelle Szene.
Aber wie so oft waren nach der Samtenen Revolution auch Glück, richtige Entscheidungen und das Zusammenspiel mehrerer Faktoren im Spiel. Sehr gut lässt sich das an der Entwicklung der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag nachvollziehen, wohin nach 1989 mit viel Geschick spannende Persönlichkeiten geholt wurden, die die Universität bis heute prägen. Rony Plesl etwa nennt Jiří Harcuba und Vratislav Karel Novák als zentrale Personen, beides Künstler und Designer, die immer schon international vernetzt und anerkannt waren.
Heute ist Plesl selbst einer der wichtigsten Glasdesigner im Land. Mit einer eigenen Produktionsfirma, mit Aufträgen der Traditionsmanufaktur
Moser oder mit Gläsern für die wichtigsten Brauereien bewegt er sich leichten Fußes zwischen Einzelstück und Massenware.
Andere Beispiele wären Michal Froněk und Jan Němeček, zusammen Olgoj Chorchoj.
Nicht nur sind beide Professoren an der UMPRUM erfolgreiche Designer und Architekten, mehr noch stehen sie oft (manchmal fast unsichtbar) hinter dem Erfolg einiger Unternehmen wie Ton, BOMMA, Mikov. Ihr letztes Jahr als Studenten prägte Bořek Šípek, der auf Einladung von Václav Havel nach Prag zurückkehrte und dort bis zu seinem frühen Tod im Jahr 2016 wirkte. Auch die Arbeiten von Olgoj Chorchoj vereinen
klassisches elegantes Industriedesign internationalen Zuschnitts und wunderbar ungewöhnliche Ansätze, die ihre Lust am Experiment immer wieder neu unter Beweis stellen. 

Zu den bereits Genannten sollten Namen wie Klára Šumová, deFORM, DECHEM (Michaela Tomišková und Jakub Janďourek) sowie
ZORYA (Daniel Pošta und Zdeněk Vacek) ergänzt werden. Nicht nur waren sie alle schon in Wien, auch eint sie Freundschaft, hohe Qualität und eine wunderbare Leichtigkeit in den Entwürfen – von Handwerk bis Hightech.
Eine ganz entscheidende Rolle aber spielt auch das Designfestival Designblok. Gegründet 1998 war es eine Mischung aus Glauben an das kreative Potential und Mut, die Jana Zielinski und Jiří Macek zu diesem Schritt bewegte. Später kam der von ihnen initiierte Czech Grand Design Award dazu, neben dem Festival Plattform und Motor nicht nur für Designerinnen und Designer, sondern auch für Unternehmen. Denn noch zu Beginn der 2000er-Jahre schien es so, als würde mit dem Verkauf vieler Unternehmen auch das gesamte – vor allem handwerkliche – Knowhow für immer verschwinden. Heute bilden Ausbildungsstätten in Nový Bor, Ústí nad Labem, Zlín, Brno, Plzeň oder die erst kürzlich
gegründete private Scholastika in Prag (an der Adam Štěch von OKOLO Designgeschichte unterrichtet) nicht zuletzt auch die Basis für erfolgreiche Unternehmen. In Summe eine sehr kreative Mischung, die uns  immer wieder neu überraschen wird.


Tulga Beyerle war Mitbegründerin der VIENNA
DESIGN WEEK und ist seit 2014 Direktorin des
Kunstgewerbemuseum Dresden.